Blogs, Netz, E-Books. Aktuelle Anmerkungen.

Ben Kaden / @bkaden

Wie die Frequenz, in der in diesem Weblog Beiträge hineingestellt werden, zeigt, ist die Form eines solchen Begleitmediums selbst zu einem Seminar “Elektronisches Publizieren” weniger optimal, als man zunächst vielleicht meint.

Es gibt verschiedene Gründe dafür und jeder ist akzeptabel. In der Hauptsache hakelt es es bei der Ressource Zeit. Der Dozent (also ich) schreibt, bloggt und kumuliert, wenn überhaupt, eher noch auf anderen Plattformen. Gerade Tumblr erweist sich für flüchtige Zwischendurchhinweise als erstaunlich tauglich. (vgl. zum Thema auch diesen Beitrag im LIBREAS-Weblog) Die Studierenden als Hauptzielgruppe dagegen schreiben Bachelor-Arbeiten, manche bereits Bewerbungen und hoffentlich alle den einen Text, den der Dozent ihnen als prüfungsrelevante Leistung abverlangt. Da bleibt für ein Zusatzengagement auf dieser Plattform wenig Spielraum.

Dass das Medium Weblog im Lebensalltag und auch im Social-Web-Alltag von Studierenden der Bibliothekswissenschaft eine nachgeordnete Rolle spielt – und zwar im Schnitt vermutlich eine weitaus kleinere als das Medium des gedruckten Buches – ist noch aus anderem Anlass so erstaunlich wie nachvollziehbar. Insgesamt scheint es nämlich, als hätten Blogs etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem die Tageszeitungen in ihren Online-Formaten begannen, Gastblogger einzuladen, ihren Höhepunkt als Medienform überschritten. Das Medium Blog ist nicht mehr neu. Es ist eines von einer Reihe von Standardanwendungen im Web und für die aktuelle Bachelorgeneration so selbstverständlich und reizvoll wie eine Textverarbeitungssoftware für den Desktop. Die großen Netz-Debatten finden in Blogs ihr Echo, werden dagegen aber nur sehr selten von diesen wirklich angeregt. Die Leitpresse widmet Internet-Themen mittlerweile soviel Aufmerksamkeit, dass es zuweilen schon einen Tick zuviel ist.

Seit der Professionalisierung des Bloggens stehen also die Postings der zuvor vor allem dem wilden Denken und queren Schreiben verpflichteten Amateurblogger in Konkurrenz zu oft weitaus eingängigeren und handwerklich besser gezimmerten Texten. Ein großer Teil der Blogelite rutschte sogar gleich weiter auf diese Plattformen und damit in den bodenständigen Online-Journalismus. Einige wenige und sehr populäre Weblogs schafften ebenfalls den Schritt zu einer Marke und einem Modell, das wenigstens kleine Einnahmen generiert. Refinanzierungswerkzeuge wie Flattr rechneten sich dagegen für die Masse kaum. Schließlich wanderte auch noch die Aufmerksamkeit des Publikums zu den kürzeren, schnelleren Verweisweismedien ab. Und sogar das der eigenen Peers.

In einem vielzitierten Kommentar analysiert die (u.a.) Bloggerin Suw Charman-Anderson diese Entwicklung am eigenen Beispiel:

“I wonder too if my lack of blog writing is related to a lack of blog reading. My RSS reader became so clogged that I feared it, wouldn’t open it, and ultimately, abandoned it. And then Twitter and now Zite arrived to provide me with random rewards for clicking and swiping, showing me stuff that I had no idea I wanted to read. Instead of following the writings of a small cadre of smart, lovely people whom I am proud to call my friends, I read random crap off the internet that some algorithm thinks I might be interested in, or that is recommended by the people I follow on Twitter.” (Quelle)

Das Rezeptionsverhalten im Social Web folgt dem Prinzip der schnellen Sprünge, wobei erstaunlich ist, wie schnell sich die eigene Navigationspraxis daran anpasst und man bisweilen enttäuscht auf den Zite-Stream blickt, weil in der vergangenen halben Stunde nichts von Relevanz hineingetröpfelt ist. Das Web produziert selbstverständlich unfassbare Mengen an Inhalten. Aber je tiefer man hineinwühlt und sich selbst ein Rezeptionsprofil erarbeitet, desto ernüchterter ist man oft angesichts der Oberflächlichkeit und des Anteils an Rauschen und Redundanz. Nur in seltenen Fällen schaffen es Blogs wirklich, ihre Stärken, nämlich Schnellligkeit und Expertise, überzeugend auszuspielen. Wahrscheinlich war dies bereits immer so. Aber heute fällt es doch mehr auf, da die massenmedialen Multiplikatoren hier ihrer Rolle gerecht werden – wenn es solide läuft. Und wenn es nicht solide läuft, entdeckt man beim Quertreiben durch das Web recht bald, bei welchem Blogger welcher Onlineredakteur den jeweiligen Impuls für seinen Artikel entdeckt hat.

So bleibt am Ende die Lektüre einer gedruckten Kulturzeitschrift häufig ersprießlicher, als ein Nachmittag in der Blogosphäre. Und da mir dieses Gefühl so vertraut ist, kann ich den Studierenden auch nicht verübeln, dass sie sich für ihren Informationsbedarf anderen Kanälen zuwenden.

Abgesehen davon erscheint die Webnutzung nach den Snowden-Enthüllungen bekanntlich auch aus anderen Gründen zunehmend belastet und suspekt. Ein fast erschreckend geerdeter Sascha Lobo schreibt heute geläutert im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von der digitalen Kränkung des Menschen, die natürlich vor allem im üblichen Selbstüberhöhungsstil der digitalen Avantgarde (von gestern) als Kränkung des eigenen Weboptimismus interpretiert wird:

“Die positiven Versprechungen des Internets, Demokratisierung, soziale Vernetzung, ein digitaler Freigarten der Bildung und Kultur – sie waren ohnehin immer nur Möglichkeiten. Mit dem Netz hatte sich der bisher vielfältigste, zugänglichste Möglichkeitsraum aufgetan, stets schwang die Utopie einer besseren Welt mit. Daran hat sich wenig geändert – technisch. Die fast vollständige Durchdringung der digitalen Sphäre durch Spähapparate aber hat den famosen Jahrtausendmarkt der Möglichkeiten in ein Spielfeld von Gnaden der NSA verwandelt. Denn die Überwachung ist nur Mittel zum Zweck der Kontrolle, der Machtausübung. Die vierte, digitale Kränkung der Menschheit: Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt.”

Dabei hätte die Vorhut der Netzkultur die grundsätzlich Janusköpfigkeit technischer Innovationen, die Gefahr einer Ideologisierung von Technologien sowie das jedem utopischen Traum eingeschriebene Desillusionierungspotential schon aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts ableiten können und eigentlich müssen. Man muss dafür nicht einmal im Jahrbuch für Kommunismusforschung nachlesen. Schon die Wikipedia ist diesbezüglich zureichend.

In der taz versucht Maximilian Probst dagegen eine theoretisch grundierte Auseinandersetzung mit den Kontrollprinzipien der Digitalität und schlussfolgert:

“Sobald ich etwas ins Netz stelle, stelle ich es einer Bewertung, Prüfung und Beurteilung anheim, die meistens die binäre Struktur reproduzieren, auf der die Digitalisierung beruht: hot or not, Daumen rauf, Daumen runter, retweeten oder lassen, ein Vorgang, der anschließend beziffert wird und sich auswerten lässt und zwar auf einer doppelten Ebene. Einmal ist es das Individuum, was für jeden Tweet, jeden Post, jeden Kommentar durchs Feedback eine Zensur erhält und damit nie der Schule entwächst, weil sie in die Gesellschaft eingesickert ist. Zum anderen wird jede Information auch von den Betreibern der sozialen Netzwerke selbst klassifiziert, berechnet, verwertet. Big Data, das Rechnen mit dem gewaltigen Informationsmaterial des Internets, schafft und zentriert ein Wissen über die Menschen, das sich selbst wieder perfekt zur Lenkung und Steuerung des Menschen verwenden lässt.

Man könnte das aufdröseln und von einer Kontrolle auf vier Ebenen sprechen. Unterste Ebene: das Individuum kontrolliert sich selbst. Zweite Ebene: das sich selbst kontrollierende Individuum kontrolliert andere Individuen. Dritte Ebene: Die Technologie-Betreiber kontrollieren die sich gegenseitig kontrollierenden Individuen. Da ist es fast schon egal, dass es noch eine vierte Ebene gibt, einen Hyperüberwacher, die NSA, die Geheimdienste, die alles, selbst noch die Betreiber und Besitzer technologischer Geräte und Netze überwachen und kontrollieren.”

Es ist also spürbar ungemütlich geworden im Web. Aber eventuell ist auch das nur eine Frage der Gewöhnung. Denn bisher sieht man neben aller Empörung nur sehr wenige konkrete Schritte Richtung Enthaltsamkeit oder Ausstieg. Denn dies käme mit sozialer Isolation gleich beziehungsweise ist häufig sogar unmöglich.

Einen positiven Effekt dieser kalten Erkenntnisdusche gibt es allerdings schon: die unkritische Innovationshörigkeit gegenüber allem Digitalen dürfte erst einmal dahin sein und kein Industrievertreter kann – hoffentlich – wenigstens in der näheren Zukunft glaubhaft verkünden, dass sein Produkt, sein Geschäftsmodell und seine Technologie alternativlos und überhaupt synonym mit der Zukunft seien.

Das gilt auch für das elektronische Publizieren, das Ende des Buches und den Siegeszug des E-Books. Derzeit geht man davon aus, dass sich (in  Nordamerika) E-Books bei einem Anteil von 25 % am Buchmarkt stabilisieren werden. Die Wachstumskurve scheint sich jedenfalls abzuflachen und beispielsweise in Kanada schrumpfte im Jahr 2013 der Anteil der Verkäufe sogar. (Quelle zu diesen Angaben)

Bekanntlich sind Prognosen ein wackliges Unterfangen und meine häufiger formulierte These (Vermutung), dass in digitalen Hypertextumgebungen andere Textformen interessanter und zukunftsträchtiger sind, als emulierte Printtexte (vgl. dazu auch hier) kann sich durchaus als verkehrt erweisen. Die beiden Hauptgrößen im Geschäft des elektronischen Publizierens, die Anbieter und die Abnehmer, erweisen sich bei tieferer Differenzierung als schwer berechenbare Größen. Die Musikindustrie, die einen erheblichen Digitalisierungsvorsprung hatte, ist strukturgemäß kein ideales Benchmark und selbst in ihr hat der Absatz der dominanten Analogform, die Schallplatte, derzeit höhere Wachstumsraten als die E-Books aufzuweisen, während die Zahl der verkauften Downloads, offensichtlich dank der boomenden Streaming-Angebote, sinkt.

Im Gegensatz zur Schallplatte hat das Buch nun sogar noch einen zentralen Vorteil: Es benötigt keine zusätzliche Wiedergabetechnologie (bei Tageslicht). Für den Verleger Gerhard Steidl ist es daher eine geradezu perfekte Angelegenheit, wie er in einem aktuellen Interview in der WELT beschreibt:

“Dennoch haben Sie kürzlich in einer Rede von einem “Kulturkrieg” gesprochen, der angezettelt werde, um die analoge und die digitale Welt gegeneinander auszuspielen.

Ich meinte damit die Hard- und Software-Industrie, die alles daransetzt, ihre Produkte zu verkaufen. Auf den ersten Blick ist ein digitales Buch billiger, aber Aufbewahrung und Updates kosten Geld, noch dazu kann man es kaum mit anderen teilen. Ein Buch dagegen verursacht nie wieder Folgekosten. Bücher sind so genial wie Bananen, die perfekte Verpackung zur Aufbewahrung wird mitgeliefert, man braucht keine Hilfsmittel, um sie zu konsumieren.”

Selbstverständlich stellen sich auch hier sofort eine Reihe von Einwänden auf, denn es fließt in der Argumentation so manches zusammen, was nicht ganz zusammen passt. Aber da diese Dekonstruktion eine dankbare Eröffnung für die nächste Seminarsitzung darstellt, will ich darauf an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

(Berlin, 13.01.2014)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s