Die Fessel DRM. Zu einem Kernproblem im Umgang mit elektronischen Büchern.

Zusammenfassung zu Constanze Kurz: Die Flüchtigkeit digitaler Besitztümer. In: faz.net / 26.10.2012  (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/aus-dem-maschinenraum/aus-dem-maschinenraum-die-fluechtigkeit-digitaler-besitztuemer-11938378.html

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung / faz.net vom 26.10.2012 beschäftigt sich Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, mit der „Flüchtigkeit digitaler Besitztümer“. Ausgangspunkt ist der Fall einer norwegischen Kindle-Nutzerin, der Amazon anscheinend über Nacht und ohne Angabe nachvollziehbarer Gründe nicht nur ihren Account sperrte, sondern sogar die gesamte E-Book-Sammlung löschte. „This is DRM at it’s worst“ schrieb der Blogger Martin Bekkelund, der den Fall publik machte.

Constanze Kurz dient der Vorgang als Ausgangspunkt einer Kolumbe zu den Grenzen der, wie sie halbwegs mokant anmerkt, „schönen neuen Digitalwelt.“ Wir bewegen uns – wenn wir uns darin bewegen und wer bewegte sich heute nicht darin – in einer eigenartigen Spannung zwischen den Vorteilen der Schwerelosigkeit der Dateien, ihre leichthändigen und flexiblen Nutzbarkeit (und ihres einfaches Erwerbs) und der externen Kontrollierbarkeit des Erworbenen.

Amazon bzw. die Rechtinhaber sehen sich von der Furcht getrieben, dass es ihnen wie der Musikwirtschaft ergeht, der die Digitalisierung zwischenzeitlich die Kontrolle über die Inhalte nachhaltig nahm. Daher statten sie E-Books gern mit einer „DRM-Zwangsjacke“ aus – ein durchaus stimmiges Bild, denn der Hauptzweck harter Kopierschutzmaßnahmen liegt bekanntlich darin, die „Beweglichkeit“ von Dateien im Sinne eine flexiblen Übertragbarkeit weitgehend auszuschalten. Man soll die Inhalte erwerben und in dem vorstrukturierten Rahmen (Kindle) nutzen. Mehr nicht. Wer selbst diese Fixierung lockert (Amazon spricht von „abuse of our policies“) oder umgeht, verstößt gegen die Nutzungsbedingungen und wird ausgeschlossen. Was in Frankreich mit HADOPI in großem Stil versucht wurde, verfolgt Amazon im Rahmen seiner Plattform. So weit, so schlecht. Constanze Kurz kritisiert nun diese restriktive Haltung mit der Erfahrung eines desatrösen Problemlösungsmanagement. Der Kundendienst der „Platzhirsche“ des E-Business (Amazon, Ebay, Facebook, Google) ist offensichtlich nur im Verkauf, nicht jedoch in der Problembehandlung beispielhaft. Jedenfalls wenn es sich um vermuteten Betrug (oder einen anderen Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen) handelt.

Hier gilt anscheinend eher: Im Zweifel gegen die Beschuldigte. Erst der webweltumspannende Proteststurm aus einer Union von New– und Old-Media-Publikationen führte im Ergebnis dazu, dass Amazon zurückruderte, den Fall nochmals prüfte und der Kundin ihre E-Book-Sammlung zurückgab.

Der entscheidende Aspekt dabei ist die Einsicht, dass digitale Inhalte und digitale Dienste, soweit sie netzgebunden sind (und mehr und mehr wird das zum einzigen Zustand), in ihrer Besitzbarkeit auf den engen Regelrahmen der Anbieter begrenzt bleiben. Es ist eine Fessel, die man solange nicht spürt, wie man sich in diesem Rahmen bewegt. Zweifellos überzieht Constanze Kurz, wenn sie schreibt: „Es war, als erschiene plötzlich ein Räumkommando zu Hause und leerte die  Bücherregale, weil der Buchladen meint, er wolle keine Geschäfte mehr  mit ihr tätigen.“ Denn der Vergleich hinkt mit beiden Beinen und vermischt den Besitz am Datenträger (=Buch als Gegenstand) mit dem Recht auf den Abruf eines Inhalts zur Nutzung. Es wäre vielmehr, als würde das Räumkommando alle Seiten in den Büchern schwärzen. Das Lesegerät blieb höchstwahrscheinlich in den Händen der Nutzerin.

Die schwierige Wendung ist bei digitalen Publikationen, dass wir das Recht an der Nutzung von Daten erwerben. Genaugenommmen verhält es sich auch bei gedruckten Büchern so: Der Inhalt gehört uns nicht, nur die Materialisierung. Dass wir im Zweifelsfall aber bei dematerialisierten Medienformen eben nichts zum Anzeigen haben, ist ein vergleichsweise neuer Umstand. Und keiner, mit dem sich Constanze Kurz zufrieden geben möchte. Eine konkrete Lösung weiß sie freilich auch nicht zu benennen. Aber abstrakt plädiert sie für mehr Kundenrechte auf den digitalen Buchmärkten. Das Digital Rights Management ist dabei der Knackpunkt und tatsächlich scheint sich hier eine grobe Fehlannahme der Musikindustrie zu wiederholen: Die des Kopierschutzes (u.a. von CDs), der dafür sorgte, dass die rechtmäßigen Inhalt kaum mehr sinnvoll rezipierbar waren (weil der CD-Spieler sie schlicht vor lauter Kopierschutz nicht mehr wiedergeben konnte) und damit die „geöffneten“ Dateien aus den Tauschbörsen allein schon aus dem Grund relevant wurden, der für die E-Anbieter immer als Proargument für den Umstieg auf elektronische Bücher genannt wird: der Bequemlichkeit.

(Seminarkurs E-Publishing, 02.11.2012)

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