Gary Shteyngart über den Verlust der Introspektion durch den Gebrauch digitaler Medien

Wer etwas aufmerksam durch die derzeit Medien- und Presselandschaft wandert, findet allerorten Anschlusspunkte an Themenstellungen und Diskussionsfäden zum elektronischen Publizieren, die für unser Seminar interessant sind. So beispielsweise zur Durchsetzung des E-Books bzw. das tablet-basierten Medienkonsums in den USA.

In der vergangenen Sitzung erörterten wir u.a. die Frage, inwieweit sich ausschließliche Lesegeräte überhaupt auf lange Sicht halten können bzw. inwieweit sie nur ein Zwischenstadium sind, dass in der Omnipräsenz der Tablet– und Smartphone-Technologien auf- und abgelöst wird. Gehen wir davon aus, dass jemand, der ein iPad besitzt, nicht unbedingt noch zusätzlich einen Kindle mitführen möchte, sondern lieber einfach iBooks benutzt (denn zwei solche Geräte mit sich zu führen, konterkariert schon fast den Vorteil von E-Books, dass sie eben nichts wiegen und leicht transportabel sind), dann stellt sich die Frage, inwieweit sich das Lesen von Texten dieser Art im multimedialen Überangebot virtueller Handlungsräume durchsetzen kann.

In einem Interview in der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußert sich der in der USA beheimatete Schriftsteller Gary Shteyngart (u.a. bekannt durch seinen Roman Super Sad True Love Story, vgl. auch hier) dahingehend eher pessimistisch – übrigens ganz in Übereinstimmung mit seinem Roman:

„[…] im Grunde lesen die Amerikaner nicht mehr oder nicht mehr viel, weil sie so viel Zeit mit den Spielereien auf ihren iPads, iPhones und iPods zubringen. Diese Dinger und das Spielen führen zu einer echten Sucht. […] Unter solchen Umständen liegt es auf der Hand , dass die Literatur leidet.“

Als These ließe sich daraus ableiten, dass die Vervielfältigung der Optionen die uns aus der Konvergenz medialen Umgebungen entsteht, dazu führt, dass die strukturell eher geradlinige Form des Text-only der Literatur und damit auch der Textpublikationen an sich, immer weniger bestehen kann. Diese Entwicklung könnte zudem dadurch verstärkt werden, dass Text nicht passiv im Ablauf (wie zum Beispiel Hörbücher oder Videos) rezipiert werden kann, sondern eine bewusste und gezielte Erfassung erfordert. Text aktiviert die Wahrnehmung nicht durch aktive Reizung. Vielmehr muss die Wahrnehmung aktiv auf ihn konzentriert werden.

Dass er den Verlust solcher Wahrnehmungspraxen durchaus negativ einschätzt, zeigt Shteyngart in seiner Antwort auf die Abschlussfrage des Interviews, die da lautet:

Was bedeutet der Rückzug der Literatur für unsere westlichen Gesellschaften?

Zunächst einmal weniger Einfühlungsvermögen. Bücher machen es möglich, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, um sie und ihre Psychologie besser zu verstehen. Außerdem bedeutet er weniger Introspektion, denn die ist der schlimmste Feind des Internets, dieser eifersüchtigen und unendlichen anspruchsvollen Geliebten. [sic!; zum Printbuch als Geliebte vgl. Maurice Sendak] Und schließlich ständige Ruhelosigkeit, denn Ruhe ist vollkommen unvereinbar mit den neuen Technologien.“

Man muss weder der Radikalität der Position noch ihrer Richtung zustimmen. Es ist allerdings durchaus von Belang, zu verstehen, dass wir nicht nur über technologische Gesichtspunkte sprechen können, wenn wir uns mit dem elektronischen Publizieren auseinandersetzen. Sondern unbedingt auch mit möglichen Folgen für das Medienverhalten und die Gesellschaft an sich.

Quelle: 

Olivier Guez: Im Gespräch: Gary Shteyngart. Warum ist Amerika so müde, Mr. Shteyngart? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 257. 03.11.2012, S. Z6)

Ein Kommentar

  1. Pingback: Man kann nicht alles haben. Oder doch? Zu Anthony Daniels Sicht auf die Zukunft des Buches « Blog zum Seminar E-Publishing / HTWK

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s