Judith Schalansky über E-Books und das Buch als Datenmasse.

Es ist weitgehend einsichtig, dass es für die Frage, ob sich ein Inhalt  besser für die Abbildung und Print oder als elektronische eignet, keine ganz pauschale Antwort gibt. Jedenfalls in dem Gewerbe, in dem man Bücher schreibt, weil man Bücher und nicht etwa einfach Texte schreiben will. Also beispielsweise der Literatur. Auch finden sich durchaus Fälle, in denen Bücher nicht nur geschrieben, sondern bewusst als solche Objekte gestaltet werden. Der Preis der Stiftung Buchkunst würdigt alljährlich Publikationen, bei denen dieser Anspruch nach Einschätzung der jeweiligen Jury besonders gelang.

Das nach deren Urteil schönste Buch des Jahres ist die Siegerausgabe der Kategorie „Allgemeine Literatur“ und stammt von einer Autorin, die die buchästhetische Leistungsschau bereits 2009 für sich entschied: Judith Schalansky. Nach dem Atlas der abgelegenen Inseln ist es nun Der Hals der Giraffe. Wer das Buch einmal zur Hand nahm, kann die Entscheidung ohne Zögern nachvollziehen. Auf der Plattform Fontwerk („Magazin für ganzheitliche Buchkonzepte“) erschien nun ein Interview mit der Schriftstellerin und Buchgestalterin, das erwartungsgemäß einige medientypologische Einsichten enthält.

Interessant ist aus meiner Sicht u.a. die Aussage, dass Judith Schalansky die Gestaltung der E-Book-Fassung von Der Hals der Giraffe gleichgültig war. Während sie für die Printausgabe vertraglich auf der Buchgestaltungshoheit bestand, überließ sie in diesem Punkt alles dem Verlag. Zu E-Books selbst positioniert sie sich abgeklärt und gelassen:

„Ach, für gewisse Inhalte ist es schon ganz gut, dass sie gut verschlagwortet und leicht transportierbar zugänglich gemacht werden. Nicht für jede Doktorarbeit, nicht für jeden Unterhaltungsroman sollten Bäume sterben müssen.“

Wie gehabt und oft betont sind die Plusfaktoren: Die Volltextsuche (bei Judith Schalansky „Verschlagwortung“) und der Transportvorteil digitaler Dateien. Und nebenbei wird das bereits öfter und bisweilen ernsthaft diskutierte ökologische Argument touchiert.

Die andere in unserem Zusammenhang relevante Stelle aus dem Interview verstärkt die angesichts der Konkurrenz der Medienformen offensichtlich notwendige konsequente Ausgestaltung der medientypologisch elementaren Eigenschaften bei der Erstellung von Publikationen:

„Jedes gedruckte Buch, das zukünftig erscheint, muss sich seines Buch-Seins sehr bewusst werden und beweisen, warum es nicht als Datenmasse auf die Welt gekommen ist. Dazu gehört, dass Inhalt und Form sich in diesem Medium wirklich begegnen.“

Ein Buch muss mehr denn je als Buchobjekt erkennbar werden. Im Gegenzug kann man möglicherweise formulieren, dass auch eine elektronische Publikation, die einzig die Printausgabe digital nachbildet, nur bedingt überzeugen kann. Ein elektronisches Buch muss sich eventuell seines potentiellen Hypertextseins erst noch bewusst werden – und beweisen, warum es nicht als Kandidat für eine Klebebindung zur Welt kam. Auch „[d]zu gehört[e], dass Inhalt und Form sich in diesem Medium wirklich begegnen.“

Knapper gefasst: Aus medientypologischer Hinsicht ist es interessant, zu ermitteln, wie Inhalt und Form jeweils optimal (auch in Hinblick auf die Erwartung der Rezipienten) in Übereinstimmung gebracht werden können. Dann haben wir auch eine Beurteilungsmöglichkeit, inwieweit dies im Einzelfall gelungen ist. Für Judith Schalanskys aktuellen Roman nahm uns die Stiftung Buchkunst die Entscheidung ab. Offen bleibt, wann bzw. ob überhaupt jemand auf den Plan treten wird, um das „schönste E-Book des Jahres“ zu küren.

(Berlin, 20.11.2012)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s