Die Zukunft des Buches – gesehen aus dem Jahr 1977

Eine Zusammenfassung zu:

Heinz Steinberg: Von der Zukunft des Buches. In: Neue Deutsche Hefte (Jg. 24, 3, 1977, S. 533-543)

von Stephanie Gutsche

Gegenwärtig findet eine Krisendiskussion zur Problematik statt, ob das Buch durch elektronische Publikationsformen abgelöst werden könnte. Diskussionen dieser Art sind nicht neu. Ein Beispiel dafür ist der Artikel Steinbergs. In den als Anmerkungen zur Buchmesse 77 bezeichnetem Artikel schreibt Heinz Steinberg, damaliger Direktor der Amerika-Gedenkbibliothek, im Jahre 1977 über eine mögliche Zukunft des Buches.

Zunächst stellt er fest, dass die anscheinend zu seiner Zeit stattfindende Diskussion über die angeblich vorherrschende Krise des Buches in allen Zeiten präsent war. So gibt es für Historiker keine Zahlen, die eine Buchkrise in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts rechtfertigen würden. Rückschauend betrachtet, fand dies nur in den Gedanken kulturpessimistischer Menschen statt. Selbst Goethe äußerte schon 1801 die Aussage:

„Wer mag wohl überhaupt jetzt eine Schrift von mäßig klugem Inhalt lesen! Und was das liebe junge Volk betrifft, das ist noch nie so naseweis gewesen.“

Zu großen Teilen unangebrachte Vorurteile gegenüber dem Lesen bei Kindern und Jugendlichen existieren demzufolge auch schon lange Zeit. Dieter E. Zimmer fasste diese Tatsache 1971 sehr gut zusammen, indem er feststellte, „daß die Krise des Buches nichts als ein unausrottbares bängliches Gerücht“ ist.

Die bestimmende Frage im Jahre 1977 lautet, ob Bücher überhaupt noch eine Zukunft in einer Zeit haben, die immer mehr von Massenmedien bestimmt ist.

Für David Riesman, dessen Aufsatz 1955 entstand und 1973 publiziert wurde, stellt das Zeitalter der gedruckten Medien lediglich eine Episode zwischen der Epoche des gesprochenen und der des elektronischen Wortes dar. Dabei bedauert er stets diese Ablösung der gedruckten durch die elektronische Schrift.

Für Marshall McLuhan dagegen ist mit diesem Wandel kein Bedauern verbunden, steht für ihn jedoch das Ende des Buchzeitalters sicher fest. Er nimmt an, dass die Kommunikationstechnik „die Welt in ein globales Dorf“ verwandeln wird.

Gegen diese Behauptung, dass das Buch aussterben wird, spricht der Umsatz der Buchhandlungen in den Jahren 1965-1974. In diesem Jahrzehnt ist eine Umsatzsteigerung von 130% zu verzeichnen. Auch die Zahlen der Ausleihstatistik der Öffentlichen Bibliotheken, die vom Deutschen Bibliotheksverband herausgegeben werden, sprechen für sich. Man verzeichnet für denselben Zeitraum in den Bibliotheken der 12 größten Städte der BRD eine Steigerung um 88%.

Die Zukunft sieht Steinberg in der Konvergenz und Koexistenz neuer und alter Medien. Aus seiner Sicht finden Freunde des Buches dank neuer Medien neue Anreize zum Lesen. So gibt es zahlreiche Filme und Sendungen, die auf Büchern basieren. Des Weiteren gibt es durch das Fernsehen die Möglichkeit, den Zuschauern Buchempfehlungen zu geben. Wenn sich Zuschauer über im Fernsehen besprochene Problematiken weiter informieren wollen, greifen sie wahrscheinlich auf Literatur zurück.

Eine Diskussion, wie man sie 1977 zur eventuellen Ablösung des Mediums Buch durch das Medium Fernsehen führte, gab es ähnlich in den 1920er Jahren zur möglichen Ablösung des Buches durch den Rundfunk.

Steinberg behauptet, dass weder ökonomische noch technologische Umstände über die Zukunft des Buches entscheiden werden. Er trifft die Vorhersage, dass es in Zukunft durch das Fernsehen weitere Anregungen zum Lesen geben wird.

Auch das Einführen der Schallplatte in den Bestand der Bibliotheken führte dazu, dass es nicht zu einer geringeren Zahl an Ausleihen, sondern einer größeren Nachfrage an Musikliteratur kam. Ob und in welchem Maße bei den Wissenschaftlern des 21. Jahrhunderts das Nachschlagen im Buch durch einen Abruf am Computer ersetzt werden wird, war für Steinberg nicht zu beurteilen. Die Möglichkeit dazu sah er jedoch offensichtlich. Eine aus heutiger Sicht interessante, aber nicht zutreffende Aussage Steinbergs lautet, dass in naher Zukunft „Literatur, die nur kleinste Auflagen verträgt, keineswegs in den Datenspeicher gedrängt, sondern kostensparend als Buch publiziert wird.“

Heute haben sich Online-Retrieval und Online-Publizieren in der Wissenschaft und auch anderen Bereichen als Alltagstätigkeit etabliert. Dementsprechend steht besonders die Frage der Abgrenzung zwischen dem Medium Buch und digital vermittelten Inhalten im Zentrum aktueller Diskussionen.

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