Auslaufmedium Papier. Eine Trendstudie sieht die Tablets als zeitgemäßen, umweltfreundlichen und kostengünstigen Ersatz.

Trendvorhersagen sind in der Regel dann schwierig, wenn sie versuchen, über einen längeren Zeitpunkt genaue Entwicklungen zu fixieren. Prognosen für 2013 sind dagegen kein allzu rutschiges Pflaster und insofern durchaus etwas, was man zur Kenntnis nehmen sollte. Die Firma frog works hat nun eine angemessen polierte Präsentation zu 20 Top Tech Trends 2013 publiziert und bei manchen Aspekten wünscht man sich als in eine schlichtere großstädtische Lebenswelt eingebetteter Betrachter schlicht, dass sich die Experten doch irren. „Devices on our body will multiply“, wie es auf der Folie zu unseren neuen Sehnsucht nach Patina (Folie 8) ist nicht unbedingt etwas, worauf man sich freuen sollte. (Es sei denn, man ist Entwickler und/oder Verkäufer dieser Technologie.) Vielleicht funkt aber die „Disruption by nature“ (Folie 12) dazwischen.

Aus der Sicht des elektronischen Publizierens ist vermutlich die Vorhersage Mario van der Meulens aus der Sammlung am relevantesten. (Folie 19) Er sieht den „Tipping Point“ im Bereich Tablet-Rechner. Die Preise der Endgeräte fallen drastisch und verschieben die Funktion dieser Geräte. Sie werden weniger als Mini-Computer und mehr als „widespread replacement of printed media, from payment receipts to newspapers to textbooks“ eingesetzt.

Für die heute off-world gehende Financial Times Deutschland kommt der Trend in jedem Fall zu spät. Die verbleibenden Presseverlage werden ihre Aktivitäten in dieser Richtung zweifellos ausbauen. Und statt verschiedene Zeitungen oder Bücher zu kaufen, so der Creative Director der frog-Zweigstelle in Shanghai, werden die Kunden für unterschiedliche Anwendungsszenarien auch separate Table-Varianten erwerben. Der Trend weist folglich vom Omni-Gerät fort und möglicherweise stehen dann im Tablet-Regal eine ganze Reihe von Geräten so Kante an Kante, wie sich heute noch der Suhrkamp-Regenbogen spannt. Der Hauptaspekt ist für Mario van der Meulen tatsächlich die Ersetzung des Papiers durch das Display, dass er – ungeachtet der schwierigen Facette Elektroschrott – als umweltfreundlicher sieht. Der Strom kommt ja ohnehin aus erneuerbaren Energien und der Stromverbrauch ist bei diesen Endgeräten übersichtlich.  Bleibt nur zu hoffen, dass es auch einen Normstecker gibt, denn sonst reist man in dieser Tablet-Welt statt mit Büchertasche mit einer Kabelbox.

In jedem Fall sieht der Trendentwickler Tablets „as the timely, earth-friendly, and cost-saving alternative to paper“ und auch wenn man diese hohlwangige Progressionsrhetorik nicht sonderlich schätzt, wird man am allgemeinen Trend zum Tablet im Jahr 2013 in den Weltregionen und Milieus, die wohlhabend genug sind, um diesen Zügen zu folgen, nicht herumkommen. (Dass Afrika in breiter Front diesbezüglich ausgestattet wird, sehe ich für 2013 trotz fallender Preise noch nicht.) Ob als Alternative zum Notebook oder als Ersatz für das Taschenbuch kann an dieser Stelle ersteinmal offen bleiben. Zeitgeistigkeit als Argument wirkt dagegen so mau wie das alles und nichts sagende „earth-friendly“ und wie die langfristige Rechnung einer entsprechenden Hardware-Schwemme tatsächlich aussieht, ist sicher auch in einem Jahr noch nicht absehbar. Schade, dass sich die loftige Trendforschung globaler Tech-Designer rhetorisch weniger der sachlichen Abwägung als dem großspurigen Gepluster ergibt. Meine persönliche Vorhersage für die nächsten Jahre lautet (in aller Hoffnung) daher: Die Trendforschung wird sich einer glaubwürdigeren, zurückgenommeneren Rhetorik bedienen, da sie darunter leidet, im bisherigen Stil des Aufbrezelns simpler Beobachtungen nicht mehr für voll genommen zu werden.

(Leipzig, 07.12.2012 / bk)

2 Kommentare

  1. Frank

    Ein Tablett-PC und umweltfreundlich. Nach 2 Jahren (wenn der Akku solang hält) kaputt und dann Elektronik-Schrott, der kaum mehr zu recyceln ist

    • Ben

      Was übrigens auch für eine ganze Palette anderer Hardwareprodukte gilt. Aber vielleicht hofft man darauf, dass sich schon (oder irgendjemand) zukünftig eine Lösung zum Recycling finden wird. Es wäre nicht das erste Mal in der Technikgeschichte, dass Folgeerscheinungen erst nach einer Weile aufwendige Antworten einfordern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man Tablet-PCs auch recyclingtauglicher bauen könnte. Da sie vermutlich zugleich erheblich teurer würden, bleibt die Frage nach der Marktfähigkeit.

      Leider scheint es zudem derzeit durchaus so, als würde das Thema Green ICT in diesem Bereich eher zurückhaltend bis stiefmütterlich behandelt. Und zwar sowohl von der Herstellern als auch von den Kunden.

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