Mehr als die Summe der einzelnen Seiten. Zu Damion Searls Wunsch nach einem Manifest des Lesers.

Die Januar-Ausgabe der Zeitschrift The Believer ist mittlerweile im ausgewählten Zeitschriftenhandel im Regal und mit dieser auch der erwartete Beitrag des Schriftstellers Damion Searls zur Defense of the Book (auf S. 15). Es ist allerdings kein ausufernden und bezwingendes Manifest des gedruckten Werkes sondern in aller Zurückhaltung nur eine eher kurze, zwei Spalten gerade so füllende Betrachtung mit der Zielstellung Awaiting a Reader’s Manifesto. Dieses sähe idealerweise so aus wie Michael Pollans berühmtes Eater’s Manifesto namens In Defense of Food. Die Kernthese des ernährungsreflexiven Schlüsseltextes lautet (laut Wikipedia):

„Pollan argues that the science of nutrition should not influence people’s eating habits because a full range of nutrients has yet to be identified by scientists, and claims that the more focused Americans become on nutrition, the less healthy they seem to become.“

Wir wissen viel über Nahrungsmittel aber doch noch zu wenig, um mit diesem Wissen angemessen umzugehen. Vorsicht bleibt also geboten und möglicherweise ist das Bauchgefühl verlässlicher als jeder Diätratgeber. Ich kenne das Buch leider nicht, wohl aber die Produkte der Nahrungsmittelindustrie, die Supermarktkultur und die Werbung als Bindeglied zwischen Verbraucher und Kaufentscheidung. Und weiß, dass es im Ergebnis vielleicht doch noch besser zu sein scheint, auf die Wissenschaft und nicht auf die Heils- und Glücksversprechungen der Lebensmittelwirtschaft zu hören. Wer allerdings Zeit und Gelegenheit hat, die Früchte eines Gemüsegartens in pestizidfreier Nachbarschaft direkt in seinen Speiseplan übernehmen zu können, fährt sicher und einfach: noch sicherer.

Damion Searls überträgt nun den Diskurs um die Nährmittelkunde bei Michael Pollan auf die Frage, wieviel wir eigentlich über das Lebensmittel Buch (Bücher sind Lebensmittel blinkte denn auch passend die Leuchtreklame der Käthe-Kollwitz-Buchhandlung im Prenzlauer Berg, die nun – nur bedingt aus Gründen der Digitalisierung – schließt) wissen. Eigentlich nur das Gröbste:

„you can buy a book, you can hold it, and, it delivers information. We’ve arguably discovered vitamins and minerals: the importance of layout, illustrations, annotating, lending it to friends, organizing a library, and so on.“

Es ist die Optimierungs-Avantgarde der lean cuisine des digitalen Lesens die, so Damion Searls, entsprechende Erfahrungsergänzungsmittel ins Spiel bringt:

„The next-generation iPad will no doubt evince an antioxidant or two.“

Obwohl der Vergleich zwischen Q-10 und iBook ein wenig stolpert, denn während es bei dem einen um den Effekt der Langlebigkeit geht, geht es bei dem anderen um den schnellen leichten Lebensgenuss. Mit der Du-darfst-Kultur der federleichten Lebensfreude ohne Reue ist die Parallele eher plausibel. Das Hauptargument pro E-Book ist bekanntlich, dass man jederzeit jedes Buch, das man begehrt, sofort verfügbar hat. Dieses Schlaraffenland des Lesens hat allerdings wenig mit Magarine und bewusster Beta-Carotin-Zufuhr zu tun. Sondern mehr mit einem saftigen Barbecue am Limonanden-See. So wirkt Damion Searles an sich sympathischer Text leider etwas welk, wenngleich der Kern seines Anliegens ohne Frage mehr Aufmerksamkeit verdient: Möglicherweise liegt da mehr als wir ahnen zwischen Buchblock und Einband, das mit uns auch neurophysiologisch interagiert („[t]hat the smell of ink on paper aids reading comprehension; […] that seeing spines on a bookshelf at home, in passing, when you’re not actively reading or thinking about books, is crucial for the memory and synthesis of wht you’ve read.“).

Es gibt sehr kluge Menschen, die über solche Vermutung bestenfalls milde lächeln, so wie es auch Menschen gibt, die jeden, der mehr als fünf Bücher in seiner Wohnung hat, für einen verkappten bis offenen Messie halten. Ich gehöre nicht zu dieser Schule, denn ich lebe mehr sogar aus privaten als beruflichen Gründen mit einer Grundorientierung auf das Regal. Jedoch scheint es mir ebenfalls schlicht mehr eine Frage der kulturellen Zugehörigkeit (Lebensstil) zu sein und weniger eine mit prinzipiell normativer Geltung. Dass man anders von Papier liest und erinnert als vom Display, dass der, der liest, anders denkt, als der, der sein Wissen über Videospiele erwirbt, liegt auf der Hand. Es ist aber nicht notwendigerweise ein besseres Lesen und Denken (hier wie dort) und weder der Leineneinband noch das MacBook ist an sich Schlüssel zu einem glücklichen und erfüllten Leben. Vielmehr sind es spezifische Formen mit eigenen Stärken und Schwächen.

Dass ich mich im Papier eher daheim fühle und auf Facebook entwurzelt (oder umgekehrt) ist folglich kein Grund, anzunehmen es müsste auch allen anderen Menschen zu gehen. Es ist für mich aber genauso wenig ein Grund, stillschweigend hin- oder gar anzunehmen, wenn mir Vertreter bestimmter Interessengruppen vom Buchclub bis zur Gamification einreden wollen, sie hätten jetzt den heiligen Gral, das Resveratrol für das beste Lesen entdeckt und es dürfte und/oder würde in Zukunft nichts anderes mehr geben können. Einfach, weil mir die selben oder ganz ähnliche Figuren (in altbekannten Figurationen) erfahrungsgemäß morgen exakt dieses Andere als Lösung ans Herz legen. Entwicklung – abseits der Absatzkultur – heißt nicht unbedingt hoher Innovations- und Produktdurchsatz. Insofern ist Damion Searls resignativ gemeinte Einsicht

„We are hurtling on with the project and practice of replacing books, and nothing anyone writes will change that.“

ganz anders traurig, als er es meint. Wir wissen mittlerweile alle, weshalb und wie die Diskurse um einen vermeintlichen Konflikt zwischen E-Publishing und P-Publishing geführt und geschürt werden und wessen Projekt der Abschied vom gedruckten Buch ist. Ich sehe keinen Grund, warum man sich davon in die Resignation hinein schikanieren lassen sollte. Selbstverständlich ist es für die Menschen in Bexar County / San Antonio bedauerlich, wenn ein eindimensionales Bibliothekssystem wie BiblioTech durchgesetzt wird, weil ein lokaler Entscheider ein Steve Jobs-Fan ist und seine persönlichen Präferenzen und Schlüsse zum Maßstab erhebt. Ob etwas daraus wird, bleibt erst einmal abzuwarten. Es ist weder eine Premiere als Versuch noch wäre es eine, wenn er scheitert:

„Two other attempts to create public bookless libraries–one in Newport Beach, California, and the other in Tucson, Arizona–ended with book-loving citizens getting their way: Plans for the Newport Beach bookless project were nixed altogether after a public outcry, and in Tucson, books were added to the shelves after a six-year dry spell.“

In meiner Lebenswelt ist das kleine Tier der Printkultur jedenfalls kerngesund und quicklebendig. Die Zeitschrift, in der Damion Searls Text erscheint und die mediengestalterisch und intellektuell fast immer wie eine Art Mieral-Bressehuhn (um beim Nahrungsmittel-Gleichnis zu bleiben) unter dem herausfunkelt, was sonst noch eine ISSN trägt, zeigt, dass sie es auch in San Francisco noch ist. Ich weiß aber, dass vielen auch der Wiesenhof reicht und so traurig es für die Tiere ist, so legitim ist es nun einmal. Solange mich die Wiesenhof-Konsumenten nicht zwingen, es ihnen gleich zu tun, sehe ich keinen Anlass zur Verzweiflung, höchstens ab und an zur Mißbilligung. Und ansonsten lese ich, wie ich es mag. Ich vermute übrigens stark, dass Damion Searls es im Grunde seiner Bibliothek ganz ähnlich hält. Seiner Aussage, dass wir noch viel mehr über die Wechselwirkung von Denken und Medienform wissen könnten, stimme ich derweil ohne Abstriche zu.

(Leipzig, 18.01.2012 / bk)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s