Neue Potentiale für die Musikkritik. Dirk von Gehlen über die Neugestaltung von Spotify.

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Dirk von Gehlen: Was würde Obama hören? In: Süddeutsche Zeitung, 8./9.12.2012, S. 17
Online: http://www.sueddeutsche.de/digital/musikstreaming-spotify-entdeckt-das-twitter-prinzip-1.1545152

von Lydia Sachse

Der Journalist und Autor des Buches Mashup: Lob der Kopie nimmt in seinem Artikel Bezug zur Pressekonferenz des Musik-Streaming-Dienstes Spotify Anfang Dezember vergangenen Jahres in New York. Dort stellte Mitgründer Daniel Ek neue Softwarefeatures vor, die ab 2013 eingeführt werden und die das Entdecken von Musik zu einem noch persönlicheren Erlebnis werden lassen können. Zugleich soll es die Beziehung zwischen Musikern und Hörern oder Hörern untereinander intensivieren und Orientierung bieten. Dabei bedient sich Spotify Twitter-ähnlichen Funktionen.

„Musiker, Prominente, gewöhnliche Nutzer können künftig Fans sammeln, die ihrer persönlichen Musikauswahl folgen. Jeder wird so zum DJ und kann mit seinem Musikgeschmack Gefolgschaft sammeln.“

Dirk van Gehlen nennt es das DJ-Prinzip, welches sich Twitter einst für Texte zu eigen gemacht hat und nun wieder in der Musikbranche verankert wird. Er schreibt von einem „unübersichtlichen Überangebot des Digitalen“, in dem es sich anhand von Leitfiguren zurechtzufinden gilt. Beispielsweise mit der Funktion Music-Graph, die veröffentlichte Playlisten anzeigt, unter anderem auch die des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama.

Für den Autor kennzeichnen die Veränderungen einerseits eine Richtung, in die Pop und Digitale Welt weisen, andererseits enthalten diese durchaus Potentiale und neue Möglichkeiten:

„Vielleicht zeichnet sich hier ein Relaunch des Prinzips des Kritikers ab, der seine Autorität nicht mehr nur im Reden über Musik begründet, sondern im Hören und Vorspielen.“

Spotify wurde im Jahr 2006 gegründet und hat mittlerweile eine Nutzerschaft von weltweit 20 Millionen Menschen, von denen die Zahl der Kostenlos-Nutzer deutlich höher ist als die der Zahlenden. Die Musiker erhalten weniger als einen Cent, wenn einer ihrer Songs angeklickt wird, was vermehrt zu Kritik an der Plattform und anderen Music-Streaming-Diensten führte. Gleichzeitig bewegt es Künstler zu neuen Vorschlägen im Umgang mit diesem Problem. (vgl. den Artikel von Henning Steier auf NZZ.ch vom 23.11.2012: Niedrige Erlöse. 1700 Dollar für 1,5 Millionen abgerufene Songs) Dirk van Gehlen beschreibt, wie das Unternehmen um Rechtfertigung bemüht ist, wenn es um deren Einnahmen und die Bezahlung der Interpreten geht.

Auf Spotify kann man neben den neuen Features ab sofort auch die Musik der Band Metallica finden, die ihre Blockadehaltung gegenüber Streaming-Diensten schon seit längerem aufgegeben hat. Der Autor schreibt von einer „Versöhnung zwischen Piraterie und Rock `n` Roll“. Ben Sisario vom Weblog Media Decoder der New York Times fragt sich sogar, ob dies die Heilung der Musikindustrie sein könne.  Auf jeden Fall zeigt es, dass sich die Musikindustrie genauso wenig dem Internet als kulturellem Handlungsort verschließen kann, wie die Verlage und letztlich auch Bibliotheken.

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