Ein paar Worte zum Abschluss von Seminar und Weblog

Das Wintersemester ist – auch wenn das Wetter etwas anderes anzudeuten scheint – natürlich bereits längst vollendet und damit zugleich das aus meiner Sicht, also der des Dozenten, hochinteressante Seminar mit äußerst aufgeschlossenen TeilnehmerInnen. Ich gehe davon aus, dass insgesamt gilt, was die Hausarbeiten andeuteten: Die Lernkurve verlief steil nach oben, wobei das Thema Electronic Publishing solche Effekte derzeit auch wirklich einfordert. Auf einmal liegt dann ein Tolino auf dem Tisch (mehr dazu im Börsenblatt) und eine Fernsehreportage rückt Amazon zeitweilig in ein anderes Licht, was dann eine Rolle spielt, wenn sich die Kunden nicht mehr in der geschlossenen E-Buchhandlung des Kindle-Anbieters wohlfühlen und für das elektronische Lesen nach offeneren Varianten suchen. Die Rolle des E-Books selbst (gegenwärtig und zukünftig) ist nach wie vor schwer einzuschätzen. Und wenn der Branchenverband Bitkom dessen Akzeptanz mit der Doppelfrage

„Wenn Sie an Ihren persönlichen Medienkonsum denken: Bevorzugen Sie analoge bzw. physische Medienträger oder digitale und online verfügbare Inhalte? Bevorzugen Sie normale Bücher oder E-Books?“

zu ergründen sucht, dann fragt das von ihm beauftragte Marktforschungsinstitut aus der Sicht der Medienkonvergenz zwar richtig, aus der Sicht des Buches aber suggestiv. Denn Medienträger und Bücher können grundverschiedene Dinge sein. Zum Beispiel die Zeitung oder die Schallplatte. Dass ein Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien aus dem Ergebnis, dass nahe 75 Prozent der Befragten Druck bevorzugen, schlussfolgert,

„Die Umfrage zeigt den rasanten Wandel auf dem Buchmarkt“, sagt [BITKOM-Hauptgeschäftsführer Bernhard] Rohleder. „Je mehr Leser positive Erfahrungen mit E-Books machen, desto stärker wird der Markt für herkömmliche Bücher unter Druck geraten.“

und das E-Book zum Massenphänomen erklärt, liegt mehr in der Natur des Verbandes als in der des Mediums. Und so kann man sich auch Fragen, ob die Hochrechnung

„Fast ein Fünftel (18 Prozent) aller Bundesbürger ziehen bereits elektronische Bücher dem gedruckten Buch vor. Das entspricht rund 12,6 Millionen Personen. Fast drei Viertel (73 Prozent) der Befragten bevorzugen dagegen gedruckte Bücher, weitere 9 Prozent sind unentschlossen.“

überhaupt stimmen kann, wenn jeder vierte Deutsche überhaupt keine Bücher liest. Denn die 25 % Nichtleser schlüsselt die BITKOM-Erhebung nicht auf und sie lassen sich auch kaum in die neun Prozent der Unentschlossenen pressen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass das E-Book in bestimmten Zusammenhängen besser funktioniert und markttauglicher ist als jemals zuvor. Dass es das Printbuch aber in absehbarer Zeit verdrängt, gibt keine Gegenwartsanalyse her. Und man muss sich auch fragen, warum dieses  Szenario überhaupt so intensiv heraus modelliert werden soll. Und wem die Zuspitzung nutzt. Die allgemeine Hypertrophie des gesamten Buchmarkts fällt jedem auf, der eine Großbuchhandlung betritt. Wie nach wie vor ausgesprochen hochwertige Printbücher entstehen, spürt jeder, der einen dieser spezialisierten kleinen und leider meist nur noch in Metropolen anzutreffenden Inhaber geführten Läden betritt, in dem es auch noch Schränkchen für signierte Ausgaben gibt. Dass als dritte Schiene eine E-Book-Kultur entsteht, lässt sich als Bereicherung verstehen und vielleicht wären die Akteure (also auch die Bibliotheken) gut beraten, diesen Trend mit dieser Ausrichtung zu vermitteln.

Wenn man schließlich progressiv mit dem Medium umgehen möchte, muss man auch fragen, wieso eigentlich digitaler Text so eindimensional als direkte Fortsetzung des Buches auf dem Display gedacht werden muss. Es besteht keine Zwangsläufigkeit – abseits des Wunsches nach Doppelverwertung bei den Verlagen – die digitales Lesen mit buchgebundener Lektüre gleichsetzt. (vgl. dazu u.a. Ben Kaden (2008) Das ewig alte Medium. In: B-U-B, 7-8/2008, S. 562ff.) Allerdings bleibt bislang auch die über weite Strecken, aber aus anderen Gründen, weitgehend durchelektronisierte wissenschaftliche Kommunikation erstaunlicherweise bislang der Simulation des Formats eines Zeitschriftenaufsatzes oder eine Monographie verhaftet, selbst wenn der Trend zur Publikation von Forschungsdaten einerseits und der Komplex von Open Science bzw. Science 2.0 punktuell zu einem Blick über den Seitenrand hinaus erzwingt.

Diese Dynamik macht das Lehrgebiet (und natürlich auch das Forschungsgebiet) Electronic Publishing bzw. Elektronisches Publizieren zu einer der derzeit faszinierendsten Facetten der Bibliothekswissenschaft. Dass, wie im Seminar deutlich wurde, zuweilen im Wochenabstand neue Umfrageergebnisse, sich verlagernde Diskursschwerpunkte, Erkenntnisse, frisch vermeldete Innovationen u.ä. auf die Agenda einwirken unterstreicht dies zusätzlich.

Mit Ende des Seminars wird nun auch dieses Weblog beendet, das ja selbst eine Art aktive Auseinandersetzung mit einer Möglichkeit des elektronischen Publizierens darstellte und als Dokumentation so offen im Web stehen bleiben soll. Ich danke der HTWK-Leipzig für die gute Zusammenarbeit und allen TeilnehmerInnen des Seminars sehr herzlich für ihre Teilnahme.

Ben Kaden / Twitter: @bkaden

Berlin, 19.03.2013

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