Die Zeitung als Schleusenwart und ein Märchen aus Greifswald

Ein Kommentar von Ben Kaden

„[…] so gilt in ganz Deutschland (und in der Welt?): Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Die zahllosen Foren, Blogs oder Kommentare im weltweiten Netz sind oft lediglich Abziehbilder jener Berichte, welche die Printmedien gedruckt haben – entweder weil die Zeitungen sie ohnehin einfach ins Netz stellen oder weil sich andere darauf beziehen.“

behauptet der FAZ-Redakteur Reinhard Müller in einem Leitartikel in der Montagsausgabe eben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für das (informelle) elektronische Publizieren in den interaktionsgerichteten Medien würde dies bedeuten, dass es genau der klassische Zeitungsjournalismus ist, der die Agenda setzt. Allerdings ist das ja auch seine Aufgabe. Immerhin wird Reinhard Müller dafür bezahlt, sich so zu seinem Metier zu äußern, der Kommentator zum Beitrag auf faz.net dagegen mutmaßlich nicht. Von ihm eine identische Professionalität zu erwarten, wäre absurd. Unklar und eigentlich auch unprofessionell ist es, wenn der FAZ-Redakteur aus diesem natürlichen Kompetenzgefälle einen Vorwurf strickt.

Nun stimmt der Aspekt des Agenda-Settings zweifellos für dieses Posting. Die Frage ist allerdings, ob diese Richtung zwangsläufig derart einbahnstraßenhaft sein muss. Reinhard Müller navigiert mit seinem „oft“ erwartbar bequem im Ungefähren und wahrscheinlich in der Tat auf der für ihn richtigen Seite. Andererseits beschrieb Stefan Niggemeier fast zeitgleich in der gleichen Zeitung, wie sich der Impuls auch in umgekehrter Richtung seinen Weg bahnt:

„Wer sich für die alltäglichen Gedanken und Erlebnisse zum Beispiel von Boris Becker interessiert, kann diese zwar auch gleich selbst auf Twitter verfolgen, und wer sich nicht dafür interessiert, wird das vermutlich auch dann nicht tun, wenn sie später in der Zeitung stehen. Aber Journalisten erbringen immerhin die Dienstleistung, aus der gewaltigen Zahl von Nichtigkeiten diejenigen herauszufiltern, die Potential haben. Twitternachrichten sind ein Rohstoff, aus dem sich Dramen machen lassen.“

Wer die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder auch andere Titel aus dem Spektrum der so genannten Qualitätszeitungen liest, weiß natürlich, dass nicht nur die BILD sehr gern Online-First-Inhalte aus allen möglichen Quellen auswertet, zusammenträgt und eine Story daraus macht. Gerade bei so genannten „Developing Stories“ kommt keine Redaktion bei der Berichterstattung ohne das Dauermonitoring Sozialer Internetnetzwerke aus.

Insofern macht es sich Reinhard Müller schon sehr einfach mit seinem digitalen Weltbild, wobei er offensichtlich vor allem eine Art Angriff auf das Modell der deutschen Huffington Post (und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk) fährt. Dabei erachtet er es für notwendig, die eigene Form des Journalismus gegenüber allem Digitalen mit Nachdruck aufzuwerten, um damit die Rolle als „Schleusenwärter im Informationszeitalter“ abzusichern. Dass er den angestaubten Begriff des „Informationszeitalters“ (Hochzeit ca. 1997) und den sehr traditionellen Nischenberuf des Schleusenwärters herausholt, um die Bedeutung der Zeitung im fortschreitenden 21. Jahrhundert zu beschreiben, verleiht dem Text eine Ausstrahlung, die dem Anliegen der Argumentation nicht unbedingt zuträglich ist.

Darüberhinaus ist die in den Artikel eingebettete These, dass guter Journalismus von der Druckausgabe abhängt und das Internet per se eine rechtloses Tummelplatz der Unkultur darstellt, ebenfalls etwas, was man im Jahr 2013 nicht auf der Titelseite eines Mediums erwartet hätte, das mit Aktualität und Reflexion sein Geld verdient. Wenn der Artikel dann auf faz.net erscheint, segelt er bereits nah am Selbstwiderspruch und kann eigentlich nur noch als – ziemlich ungelenke – Provokation verstanden werden.

Natürlich sind Zeitungen bzw. auch Zeitschriften Filter. Und im Internet gibt es zahllose Beispiele dafür, wie sich diese Filterfunktion problemlos in digitale Kommunikationsräume übertragen lässt. Natürlich haben Menschen eine andere Beziehung zum Papier als zum Screen. Das ändert nichts daran, dass sich auch auf dem Papier sehr vieles abgebildet findet, dessen intellektuelle Höhenlinie sich nur geringfügig vom durchschnittlichen Normallnull auf Twitter abhebt. Die inhaltliche Qualität ist nicht unmittelbar an das Material seiner Wiedergabe gekoppelt. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso also Reinhard Müller auf diesen Aspekt derart abzielt. Denn selbst mit viel Fantasie lässt sich keine Zielgruppe bestimmen, die für eine solche unsinnige Kopplung anfällig wäre. Schon gar nicht unter der Leserschaft der FAZ.

Das Hauptproblem jedoch übergeht Reinhard Müller bei seiner Spiegelfechterei, die wie aus einem anderen Web-Jahrhundert anmutet. Dass Problem für die Zeitungen ist keines der journalistischen Qualität. Sondern eines des Absatzes. Ob man den jedoch dadurch rettet, dass man sich wie ein Marktschreier aufführt, der nicht nur den (vermeintlichen) Konkurrenten vorwirft, er würde Obst aus zweiter Hand verkaufen, sondern dessen Kunden auch noch fehlende Etikette vorwirft, ist eine Frage, die man hoffentlich auch in den Redaktionsräumen der FAZ überdenkt. Wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung als relevant erachtet wird, wird sie als Produkt verkaufbar. Wenn ihre Kunden die Printausgabe als die von ihnen gewünschte Form ansehen und den Preis für angemessen halten, dann werden sie das Papier auch erwerben. Relevanz und Preis sind gemeinhin die Stellschrauben, an denen man justieren kann. Die Argumentation des Leitartikels arbeitet dagegen mit Märchen und wenig stichhaltigen Behauptungen über das bzw. ein paar naiven Ressentiments zum „Netz“, was auch immer das in dieser abstrakten Fassung sein mag.

Schließlich noch eine Anmerkung zu Reinhard Müllers fabelhafter Eröffnung:

„Ein wahres Märchen aus der alten Welt: In Greifswald waren kürzlich offenbar alle Exemplare dieser Zeitung ausverkauft. Die Hansestadt hatte nämlich die Staatsrechtslehrer auf ihrer Jahrestagung zu Gast, und offenbar wollten die etwa 200 versammelten Professoren und Privatdozenten – trotz Abonnements und mobiler und fester Internetanschlüsse – auf ihre tägliche gedruckte Stammlektüre nicht verzichten.“

Wer häufiger in ostdeutschen Klein- und Mittelstädten, zu denen auch Greifswald gehört, unterwegs ist, der weiß, dass sich die dortigen Zeitschriftenhändler nicht wie ihre Kollegen zum Beispiel im Rhein-Main-Gebiet mit 50er Stapeln der FAZ ausstatten. Denn sowohl statistisch wie auch aus der Alltagserfahrung belegbar lesen die Ostdeutschen im Vergleich weniger Zeitung also auch weniger Print und noch weniger eine Tageszeitung, die EUR 2,20 pro Ausgabe kostet. Die Händler bestellen sich also generell eine Menge nach dem durchschnittlich zu erwartenden Verkauf. Selbst in der Universitätsstadt Greifswald liegen daher nicht allzu viele Exemplare parat, obwohl sich der kleine Zeitungsladen am Bahnhof redlich müht. Es braucht daher nicht einmal 200 Staatsrechtler, sondern vielleicht (optimistisch geschätzt) 15 bis 20 bis zum Ausverkauf. Und ich habe schon Läden in Mecklenburg-Vorpommern erlebt, bei dem ein einzelner durchreisender Tourist ausreichte, um der FAZ für diesen Tag ein „vergriffen“ anzuheften.

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