codeX statt e-book? Anmerkungen zu einem Vorschlag von Ed Finn und Joey Eschrich

von Ben Kaden

„Neurological effects, different types of media, totally new reading habits—just a few reasons why e-reading is a fundamentally different experience than curling up with a dead-tree book. Print books are a highly refined technology that isn’t going anywhere soon, but there are ways in which the digital is superior to the old-fangled, and vice versa: They’re horses of different colors.“

beschreiben Ed Finn und Joey Eschrich in einem rasanten Text auf Slate und galoppieren mit diesem Ritt über die Rossbreiten der Textabbildung auf das Problem zu, dass das Wort „book“ auch als Metapher für elektronische Texte nicht unbedingt das beste sprachliche Vehikel ist. Das ist nicht ganz neu, denn beispielsweise in einem Beitrag aus der Zeitschrift Buch und Bibliothek aus dem Sommer 2008 findet man folgende, für Diskussion weitgehend folgenlos gebliebene Aussage:

„Das book in „E-Book“ ist nur ein kurzes Wort, erzwingt aber eine folgenreiche Verengung der Wahrnehmung. Während journal [wie in e-journal] auf die Erscheinungshäufigkeit rekurriert und daher auch in elektronischen Räumen eine gewisse Berechtigung findet, ist das book in einer äußeren Form begründet, die sich in elektronischen Kommunikationsräumen nicht findet.“ (Ben Kaden: Das ewig alte Medium. In: BuB, 7/8 2008, S. 562f. ; PDF der Ausgabe)

Die Autoren auf Slate schlagen als alternative und treffendere Bezeichnung Codex vor. Die Brücke zeigt zur dieser etwas ungewöhnlich erscheinenden Wahl zeigt sich aus der Verbindung zu Code. Das De/Kodieren ist nämlich das Zentralelement des Lesens im Digitalen:

„The things we’ll be reading in the future will not only involve a lot of programming; they’ll also require readers to decode complex, multilayered experiences and encode their own ideas as contributions in a variety of creative ways. Since standard printed books are technically codices, we propose (with significantly more trepidation) to distinguish our variant with one of those annoying midword capitals: codeX, to remind us that these new things involve experience, experimentation, expostulation … you know, all those X things.“

Dieser Ausblick auf eine American Post-Bookhistory X ist ziemlich ernst gemeint. Ob sie auch breitentauglich sein kann, wird sich zeigen. Vielleicht ist es ja auch eine typische kontinentaleuropäische Skepsis, die dem Teilen der Begeisterung über die Variante codeX, die mit einer gewohnten neuweltlichen Aufbruchsemphase zum Ende des Textes verkündet wird, im Weg steht:

„From social reading platforms like Medium to digital pop-up books like 2012’s Between Page and Screen, we’re already building the future of reading, and there’s no going back. So let’s agree on a new term and stop pretending these utterly new ways of reading are anything like the singular and lovely experience of thumbing through a printed book.“

Im inhaltlichen Kern stimme ich dem erwartungsgemäß für E-Texte völlig zu. Das „there’s no going back“ halte ich dagegen für unsinnig, denn nur weil  Ed Finn und Joey Eschrich sich nicht mehr länger als 15 Minuten mit einem Text zu befassen in der Lage sind (wie sie eingangs beschreiben), muss das kein Standardwert für den Rest der Lesekultur sein. Vielmehr hätten Sie gerade auf der Frankfurter Buchmesse die friedliche Koexistenz diverser Lesepraxen leicht zur Kenntnis nehmen können. Mindestens so unpassend wie die Verwendung der Buch-Metapher für Digital- bzw. Hypertexte erscheint angesichts vielfältiger Zugänge zu Text das Bedürfnis mit flotter Rhetorik seine eigenen Claims als einzig sinnvoll verkaufen zu wollen. Ein neuer Ausdruck wäre sicher schön. Aber codeX erscheint auch mit dem Kodierungs-Bezug bestenfalls als Markenbezeichnung brauchbar.

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